Von Diorit und anderen Findlingen

Kunst wird heute immer mehr zu einem unbekannten Kontinent in der Gesellschaft; wie eine Art zentrales Nervensystem versorgt Kunst heute die Gesellschaft immer mehr und immer auch mit dem, was heute, neben Geld und Zeit, zu einem knappen Gut geworden ist: Sinn und Orientierung. Was aber natürlich immer auch bedeutet, dass hierin Chaos und Kreativität, Widerspruch und Ambivalenzen mit enthalten sind. Die „Diorit-Skulpturen“ sind dabei keine Skulpturen im traditionellen Sinne; anders als der klassische Bildhauer erhält Sandra Silberna- gel die Ursprungsformen als solche demonstrativ.

Der folgende bildhauerische Eingriff folgt präzise, „scharf“ kalkuliert – der so ausgesparte Raum erzeugt dabei nicht nur eine fast körperlich fühlbare Abwesenheit, sondern auch eine irritierende Form von Nicht-Anwesenheit. Etwas bleibt – doch etwas Anderes wird ausgespart. Sandra Silbernagels „DIORIT-Skulpturen“ spielen auf diese Weise mit zahlreichen Ambivalenzen: der Erdgeschichte und der Geschichte der minimalistischen Skulptur, dem Einschnitt in das Material und der dem entstehenden Effekt der Leere, der Gleichwertigkeit zwischen Innen und Aussen und der Funktion des Betrachters, der diese Ambivalenzen erspürt und versucht sich einen Reim auf diese Form zu machen.

In Sandra Silbernagels Arbeit treffen aber auch tiefere Schichten aufeinander: die Kultur des Menschen, die bekanntlich mit dem Herstellen von Faustkeilen begann und die Geschichte der Erde, die für den Menschen immer auch eine Metapher bildete, sei es als Schatzhaus, als Mut- ter Erde oder als postmoderner „Weltinnenraum“, wie Peter Sloterdijk dieses so prägnant formuliert hat.

Kunst ist immer auch eine Art Geschenk – wir haben die Möglichkeit uns einer unbekannten Innen-Welt zu nähern. Und so wie der Mensch eigentlich sich selbst als ein unbekanntes Mysterium erlebt, so erfährt der heutige Kunstbetrachter jedes ästhetische Objekt als doppeldeuti- ges ambivalentes Geschehen. Als eingeschnittene Leere funktioniert der Stein wie ein nach innen und aussen geöffnetes Fenster als bearbei- tete Skulptur erscheint das Material immer auch als ein antropomorphes Wesen.

Betrachter, die mit der Kunst (und speziell der Kunst der Moderne) vertraut sind, sind selbst so etwas wie Findlinge, die auf der Erde gestrandet sind und auf der Suche sind. Doch anders als der Millionen Jahre alte Diorit, der nicht weiß, woher er stammt und wohin er gehen wird, wis- sen wir Menschen, aus welcher Kultur wir stammen, unter welchen ästhetischen (und unästhetischen) Verhältnissen wir leben und vielleicht auch, dass die Kunst (wie anfangs die Magie) ein Medium der Prophezeiung verkörpert. Wer sich heute, ob als Betrachter oder als Künstler, mit Kunst auseinandersetzt, der belohnt sich selbst, indem er das Unwirkliche der Realität mit der Wirklichkeit der Kunst in Beziehung setzt – und dann erkennt, dass er scheinbar sichere Orientierungen verliert. Kunst funktioniert heute um so überzeugender, je intensiver sie sich auf die Wirklichkeit und ihre Fiktionen einlässt. Dass sich dabei die Sicht auf die Wirklichkeit zu multiplizieren scheint, ist nicht nur ein Effekt der Moderne und ihrer Künste. Es ist vielleicht auch Folge der Tatsache, dass wir Betrachter besonders gut dann funktionieren, wenn wir genü- gend Unsicherheit und Risiken wahrnehmen. Lebendigkeit im Denken und Wahrnehmen ist immer mit der Ausübung von Kunst verbunden gewesen – unter anderem auch diese Einsichten und Assoziationen können wir vor Sandra Silbernagels Skulpturen gewinnen.

Jan Hoet (1936-2014) 

About DIORITES AND OTHER FOUNDLINGS

More and more, Art becomes an unfamiliar continent within society. Like a sort of central nervous system, Art provides society more and more and always with that what next to money and time has become a rare good: meaning and orientation.

Which of course always means that chaos and creativity, contradiction and ambivalence are also included.

Thereby, the ‘Diorite sculptures’ are not sculptures in a traditional sense. Unlike the classical sculptor, Sandra Silbernagel, keeps the original form in a demonstrative way. The following sculptural operation is done precisely and carefully calculated - the space that’s left out not only creates an almost physical and perceptible absence but also a sort of confusing form of non-presence. Something remains - but something else is left out.

Sandra Silbernagel’s ‘Diorite sculptures’ are playing with numerous ambivalences: with the history of the earth and the history of the minimalist sculpture, the cut into the material and the effect of emptiness which comes into being, the equality of inside and outside and the role of the beholder who senses the ambivalence and tries to understand the form.

Also, in Sandra Silbernagel’s work deeper layers meet: human culture which obviously has started with the making of hand axes and the history of the earth, which for men has always been a metaphor be it as a treasure house, as Mother Earth or as a postmod- ern ‘Weltinnenraum’ (the space within the world) as Peter Sloterdijk concisely framed it.

Art is also always a kind of gift - it gives us the possibility to approach an unfamiliar inner world. And as men actually experiences oneself as an unknown mystery, the present viewer of art experiences every aesthetic object as an ambiguous, ambivalent happen- ing. As a carved blank space the stone works like a window that’s been opened inwardly and outwardly. As a processed sculpture the material usually appears as an anthropoid being.

Oberservers that are familiar with art (especially with modern art) are themselves something like foundlings which have been beached on earth and are seekers. But different from the Diorite which is millions of years old and doesn’t have a clue where it comes from and where it’ll be going to men knows what culture we come from, under what kind of aesthetic (and unaesthetic) conditions we live and maybe also is aware that art epitomizes (as initially magic did) a medium of prophecy. Whoever, as a behold- er or as an artist, confronts oneself with art rewards oneself by relating the unreality of reality to the reality of art - only to realize that one loses seemingly safe orientation. Nowadays, art is even more convincing the more it lets itself in with the real world and its fiction. It’s not just an effect of modern times and its art that thereby the view on reality seems to multiply. Maybe it’s also a result of the fact that us viewers are functioning especially well when we perceive enough insecurity and risks. Being alive in one’s way of thinking and perception has always been connected with practicing art - we can gain these insights and associations among other things from the sculptures of Sandra Silbernagel.

Jan Hoet (1936-2014) 

Sandra Silbernagel erschafft keine traditionellen Stein-Skulpturen. 

Sie sucht und entdeckt vielmehr im vorgefundenen – in ganz Europa gesuchten -  Stein seine „Sprache“ und greift dann künstlerisch ein, um das Charakteristische, das ganz Eigene des Steins herauszuarbeiten. Der bildhauerische Eingriff folgt nach langem Abwägen präzise und scharf kalkuliert – aber er lässt die Ursprungsform weiterhin erkennen.

Die Naturform wird so zum minimalistischen Kunstwerk. Die Arbeiten zeigen den Betrachtenden Respekt vor dem Eigenleben und betonen die Schönheit des Steins.                                                                                        

Die künstlerischen Eingriffe sind Folge meditativer Akte. Die Naturform des Steines wird gelesen und zum Sprechen gebracht. Der Stein ist nicht nur Material, er ist künstlerisches Medium. 

Die Steingebilde wirken, als sei in ihre roh bearbeitete Oberfläche ein Fremdkörper eingedrückt, eine meist ebenmäßige Form. Mal eine Pyramide, mal ein Würfel, ein Kubus oder eine Stelenform. Diesen geometrischen Formen gibt Sandra Silbernagel durch Schleifen oder Patinieren außerdem einen ganz neuen Charakter. 

So ergeben sich Gegensätze: matt und glänzend, statisch und dynamisch, rau und sanft. Kontraste fallen dem Betrachter ein: Naturform und Geometrie – Schwere und Leichtigkeit – Grobheit und Zartheit – Glätte und Struktur – Geschlossen und Offen – Urgeschichte und Gegenwart – Finden und Gestalten – Natur und Kultur.

Die Bearbeitung erfordert Kraft, es bedarf manchmal schwerer Maschinen. 

Sandra Silbernagel formt wenige Kilo schwere Steine, aber auch 50 Tonnen schwere Monolithen durch präzise Schnitte zu Kunstwerken, die mit Leichtigkeit beeindrucken – ein Kunst gewordener, aufregender Widerspruch in sich. 

 

Sandra Silbernagel does not create traditional stone sculptures. 

Instead, she finds and discovers his "language" in the found stone, which is sought everywhere in Europe, and then engages artistically in order to work out the characteristic, the very own of the stone. The sculptural intervention follows precise and sharp calculations after a long weighing - but it still shows the origin. 

The natural form thus becomes a minimalistic work of art. The works show respect for the individual life and emphasize the beauty of the stone. 

The artistic interventions are the result of meditative acts. The natural form of the stone is read and put to the test. The stone is not only material, it is an artistic medium. The stone structures act as if a foreign body had been pressed into their raw surface, a generally regular form. Sometimes a pyramid, sometimes a cube, a cube or a stela form. 

Sandra Silbernagel also gives these geometric forms a whole new character by grinding or patinating. This results in opposites: dull and shining, static and dynamic, rough and gentle. 

Contrasts fall to the viewer: nature shape and geometry - heaviness and lightness - coarseness and delicacy - smoothness and structure - closed and open - prehistory and present - finding and shaping - nature and culture. Machining requires strength, sometimes heavy machinery is required. 

Sandra Silbernagel shapes a few kilos of heavy stones, but also 50-ton monoliths through precise cuts to works of art that impress with ease - an art-made, exciting contradiction in itself.

 

Dr.Wolfgang Müller, Cologne 2017