SANDRA SILBERNAGEL


Sandra Silbernagel erschafft keine traditionellen Stein-Skulpturen. 

Sie sucht und entdeckt vielmehr im vorgefundenen – in ganz Europa gesuchten -  Stein seine „Sprache“ und greift dann künstlerisch ein, um das Charakteristische, das ganz Eigene des Steins herauszuarbeiten. Der bildhauerische Eingriff folgt nach langem Abwägen präzise und scharf kalkuliert – aber er lässt die Ursprungsform weiterhin erkennen.

Die Naturform wird so zum minimalistischen Kunstwerk. Die Arbeiten zeigen den Betrachtenden Respekt vor dem Eigenleben und betonen die Schönheit des Steins.                                                                                        

Die künstlerischen Eingriffe sind Folge meditativer Akte. Die Naturform des Steines wird gelesen und zum Sprechen gebracht. Der Stein ist nicht nur Material, er ist künstlerisches Medium. 

Die Steingebilde wirken, als sei in ihre roh bearbeitete Oberfläche ein Fremdkörper eingedrückt, eine meist ebenmäßige Form. Mal eine Pyramide, mal ein Würfel, ein Kubus oder eine Stelenform. Diesen geometrischen Formen gibt Sandra Silbernagel durch Schleifen oder Patinieren außerdem einen ganz neuen Charakter. 

So ergeben sich Gegensätze: matt und glänzend, statisch und dynamisch, rau und sanft. Kontraste fallen dem Betrachter ein: Naturform und Geometrie – Schwere und Leichtigkeit – Grobheit und Zartheit – Glätte und Struktur – Geschlossen und Offen – Urgeschichte und Gegenwart – Finden und Gestalten – Natur und Kultur.

Die Bearbeitung erfordert Kraft, es bedarf manchmal schwerer Maschinen. 

Sandra Silbernagel formt wenige Kilo schwere Steine, aber auch 50 Tonnen schwere Monolithen durch präzise Schnitte zu Kunstwerken, die mit Leichtigkeit beeindrucken – ein Kunst gewordener, aufregender Widerspruch in sich. 

 

Sandra Silbernagel does not create traditional stone sculptures. 

Instead, she finds and discovers his "language" in the found stone, which is sought everywhere in Europe, and then engages artistically in order to work out the characteristic, the very own of the stone. The sculptural intervention follows precise and sharp calculations after a long weighing - but it still shows the origin. 

The natural form thus becomes a minimalistic work of art. The works show respect for the individual life and emphasize the beauty of the stone. 

The artistic interventions are the result of meditative acts. The natural form of the stone is read and put to the test. The stone is not only material, it is an artistic medium. The stone structures act as if a foreign body had been pressed into their raw surface, a generally regular form. Sometimes a pyramid, sometimes a cube, a cube or a stela form. 

Sandra Silbernagel also gives these geometric forms a whole new character by grinding or patinating. This results in opposites: dull and shining, static and dynamic, rough and gentle. 

Contrasts fall to the viewer: nature shape and geometry - heaviness and lightness - coarseness and delicacy - smoothness and structure - closed and open - prehistory and present - finding and shaping - nature and culture. Machining requires strength, sometimes heavy machinery is required. 

Sandra Silbernagel shapes a few kilos of heavy stones, but also 50-ton monoliths through precise cuts to works of art that impress with ease - an art-made, exciting contradiction in itself.



Urform und Geometrie - Gegensätze

Skulptur Neuss, Memoryzentrum

Härter als Granit ist dieses Tiefengestein, das vor Millionen von Jahren einmal als Blase heißen Magmas aufgestiegen und über Jahrtausende hin erkaltet ist. Ein Koloss von über 50 t Gewicht ist Ausgangsmaterial für die Skulptur für das St. Augustinus Memory-Zentrum in Neuss. Jede Angabe für den exakten Schnitt der Diamantseilsäge muss exakt sitzen – in solcher Kunst sind keine Korrekturen möglich. Wie im Modell erprobt, wird der Block aufgeschnitten, ein Kern entnommen. Dieser wird später einmal im Foyer des Hauses für Demenzkranke seinen Platz finden. Hier hat jemand der Massigkeit des harten, schweren Volumens seine Vorstellung von Ordnung eingeschrieben.

Wir sehen eine reizvolle natürliche Großform und ein Gewicht, das sich geradezu körperlich vermittelt. Durch die zarten Linien der waagerechten und  senkrechten Schnitte sind die Rundungen gegliedert und eine geometrische Fehlstelle verändert die Wahrnehmung. Die riesige Naturform wird in einem Kultureingriff zum Kunstwerk.

Der Blick geht zur Leerstelle in diesem Block – ist das Leere? Da wird wie in aller Skulptur ein Raum gefasst, der mehr als ein Nichts ist. Er gestattet Einblicke in die Struktur des Felsens, öffnet einen Durchblick, schafft einen Ausschnitt, ist ein scharfer Kontrast zu den weichen Umrissen des harten Steins. Das nicht weit entfernt liegende, fehlende Stück wird gedanklich eingepasst, die Umkehrung von Aussparung und Ausschnitt draußen und drinnen wird zum ästhetischen Vergnügen.

Der spielerische Umgang setzt Assoziationen frei: Kontraste fallen dem Betrachter ein: Naturform und Geometrie – Schwere und Leichtigkeit – Masse und Leere – Grobheit und Zartheit – Urgewalt und Technik – Fläche und Volumen – Glätte und Struktur – Außen und Innen – Geschlossen und Offen – Urgeschichte und Gegenwart – Finden und Gestalten – Natur und Kultur …. Man mag weiter denken bis zur Polarität von Geistigem und Dinglich-Realem. Clemens von Brentano spielt in einer seiner bekanntesten Gedichtzeilen mit solchen Dualismen: „O Stern und Blume - Geist und Kleid - Lieb, Leid – und Zeit und Ewigkeit“.

Sandra Silbernagel aus Münster, 1973 in Fulda geboren, legt mit dieser Arbeit einen weiteren Beweis ihres faszinierenden analytischen Zugangs aus dem Geist der minimalistischen Skulptur vor. Sie stellt vor die Klinik den schwer/leichten Monolithen, der durch sein Alter auf Urzeiten der Erdgeschichte verweist – und mit seinen Schnitten und der Leerstelle zum leicht wirkenden Objekt wird. Das auf den ersten Blick so massige Werk gibt dem Memory-Zentrum ein Zeichen, Gewicht, Gedächtnis und Dauer.

 

                                                                              Dr. Thomas Sternberg, Präsident Zentralkomitee der deutschen Katholiken

                                                                                                                                            

Vom Diorit und anderen Findlingen

Kunst wird heute immer mehr zu einem unbekannten Kontinent in der Gesellschaft; wie  eine Art zentrales Nervensystem versorgt Kunst heute die Gesellschaft immer mehr und immer auch mit dem, was heute, neben Geld und Zeit, zu einem knappen Gut geworden ist: Sinn und Orientierung. Was aber natürlich immer auch bedeutet, dass hierin Chaos und Kreativität, Widerspruch und Ambivalenzen mit enthalten sind. 

Die "Diorit-Skulpturen" sind dabei keine Skulpturen im traditionellen Sinne; anders als der klassische Bildhauer erhält Sandra Silbernagel die Ursprungsformen als solche demonstrativ. Der folgende bildhauerische Eingriff folgt präzise, "scharf" kalkuliert - der so ausgesparte Raum erzeugt dabei nicht nur eine fast körperlich fühlbare Abwesenheit, sondern auch eine irritierende Form von Nicht-Anwesenheit. Etwas bleibt - doch etwas Anderes wird ausgespart.     

Sandra Silbernagels "DIORIT-Skulpturen" spielen auf diese Weise mit zahlreichen Ambivalenzen: der Erdgeschichte und der Geschichte der minimalistischen Skulptur, dem Einschnitt in das Material und der dem entstehenden Effekt der Leere, der Gleichwertigkeit zwischen Innen und Aussen und der Funktion des Betrachters, der diese Ambivalenzen erspürt  und versucht sich einen Reim auf diese Form zu machen.

In Sandra Silbernagels Arbeit treffen aber auch tiefere Schichten aufeinander:

die Kultur des Menschen, die bekanntlich mit dem Herstellen von Faustkeilen begann und die Geschichte der Erde,  die für den Menschen immer auch eine Metapher bildete, sei es als Schatzhaus, als Mutter Erde oder als postmoderner "Weltinnenraum", wie Peter Sloterdijk dieses so prägnant formuliert hat.  

Kunst ist immer auch eine  Art  Geschenk - wir haben die Möglichkeit uns einer unbekannten Innen-Welt zu nähern. Und so wie der Mensch eigentlich sich selbst als ein unbekanntes Mysterium erlebt, so erfährt der heutige Kunstbetrachter jedes ästhetische Objekt als doppeldeutiges ambivalentes Geschehen. Als eingeschnittene Leere funktioniert der Stein wie ein nach innen und Aussen geöffnetes Fenster als bearbeitete Skulptur erscheint das Material immer auch als ein antropomorphes Wesen.

Betrachter, die mit der Kunst ( und speziell der Kunst der Moderne) vertraut sind, sind selbst so etwas wie Findlinge, die auf der Erde gestrandet sind und auf der Suche sind. Doch anders als der Millionen Jahre alt Diorit, der nicht weiß, woher er stammt und wohin er gehen wird, wissen wir Menschen, aus   welcher Kultur wir stammen, unter welchen ästhetischen (und unästhetischen) Verhältnissen wir leben und vielleicht auch, dass die Kunst (wie anfangs die Magie) ein Medium der Prophezeiung verkörpert. Wer sich heute, ob als Betrachter oder als Künstler, mit Kunst auseinandersetzt, der belohnt sich selbst, indem er das Unwirkliche der Realität mit der Wirklichkeit der Kunst in Beziehung setzt - und dann erkennt, dass er scheinbar sichere Orientierungen verliert. Kunst funktioniert heute um so überzeugender, je intensiver sie sich auf die Wirklichkeit und ihre Fiktionen einlässt. Dass sich dabei die Sicht auf die Wirklichkeit zu multiplizieren scheint, ist nicht nur ein Effekt der Moderne und ihrer Künste. Es ist vielleicht auch Folge der Tatsache, dass wir Betrachter besonders gut dann funktionieren, wenn wir genügend Unsicherheit und Risiken wahrnehmen. Lebendigkeit im Denken und Wahrnehmen ist immer mit der Ausübung von Kunst verbunden gewesen - unter anderem auch diese Einsichten und Assoziationen können wir vor Sandra Silbernagels Skulpturen gewinnen.   

                                                                                                                                                                           Jan Hoet                                                                                                                                                                                    

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